[Tustep-Liste] #Satz und #Formatiere

Giorgio Giacomazzi giorgio at giacomazzi.de
Mi Feb 9 15:43:06 CET 2005


Lieber Herr Trauth, liebe TUSTEP-Benutzer,

der Wunsch nach einem Ausbau von #formatiere ist in pädagogischer 
Hinsicht wohl verständlich, läßt aber bei mir wie bei Herrn Schubert 
nicht die rechte Freude aufkommen, da überfällige Probleme beim 
Satzprogramm erneut vertagt werden. Ich teile die Aufwandschätzung von 
Herrn Sappler, wonach #satz in seiner Funktionalität nicht mehr 
reformierbar ist: Deshalb braucht TUSTEP ein neues Satzprogramm. Ich 
glaube, auch der Programmautor sieht das so. Als Alternative dazu wäre 
die Erstellung einer Benutzeroberfläche bzw. einzelner Wizards zum 
jetzigen #satz, wenn auch aufwändig, m.E. doch denkbar. Als Beispiel 
hänge ich ein screenshot an (in der Bildqualität reduziert, weil der 
ITUG-Server die ursprüngliche Dateigrösse abgelehnt hat). Solche 
Assistenten böten zwar nur partielle, dafür aber in überschaubarer Zeit 
eine tatsächliche Erleichterung.

Ein neues #formatiere interessiert mich indes nur, wenn es zu einem 
neuem Satzprogramm führt. Denn für ein Programm, das weniger kann als 
"Word", nur ohne dessen Komfort, habe ich keine Verwendung. Ein neues 
modulares, durchsichtiges und performantes Satzsystem, das auch 
außerhalb von TUSTEP brauchbare Zieldateien exportierte, wäre attraktiv. 
Wenn es in gutem objektorientiertem Stil konzipiert würde, könnte ihm 
die Benutzeroberfläche leicht und auch ein WYSIWIG-Modus zuwachsen - 
ohne den Detailtypographie unter Batch-Systemen schnell zur Qual wird. 
Ein solches Produkt wäre auch für neue, zahlungswillige Kreise 
attraktiv. Es würde mit 3B2 konkurrieren, dem Satzsystem, das "beides 
verbindet", um an Herrn Töpfers richtigen Wunsch zu erinnern. Für den 
leider wahrscheinlichen Fall, daß ein würdiger Nachfolger für #satz 
nicht gewünscht ist und daß auch für Benutzeroberflächen zum alten 
#satz, welche ich gerne programmieren würde, keine oder kaum Mitteln da 
sind, möchte ich nun auf die Diskussion so Einfluß nehmen, daß das neue 
#fo später doch zu einem vollwertigen Satzprogramm ausgebaut werden kann 
und ihm nicht das gleiche Schicksal vom alten #satz widerfährt.

1. Steueranweisungen und Text müssten klar und sicher voneinander zu 
unterscheiden sein - für Menschen und Maschine. LaTeX, 3B2 (XML ohnehin) 
zeigen, daß dies geht. Insbesondere muß die Leerzeichenplage beseitigt 
werden: Blanks sind vor/nach manchen Steueranweisungen erforderlich 
(sonst bricht das Programm auch einfach ab), haben aber auch zur Folge, 
daß Satzmakros aufgelöst werden. Die eiserne Disziplin des 
Programmautors, der sein Leerzeichensystem auch ohne Handbuch 
beherrschen dürfte, kann heute nicht mehr voraussgesetzt und verlangt 
werden. Die mangelhafte Unterscheidbarkeit von Codes und Text war schon 
immer ein TUSTEP-Problem, stört im Satz aber am meisten. Sie belastet 
den Bearbeiter, der den Text nicht lesen kann (und deshalb Word 
vorzieht), betrifft aber auch TUSTEP-Interna. Das Silbentrennprogamm 
liest Wörter, die Codes enthalten, nicht korrekt und liefert dann eher 
eine Trefferrate als eine Fehlerrate von 0,5 Prozent. Auch *SILLIST 
versagt trotz aller neuen Modi.

2. Wie oft gefordert sollten Zeilenabständen in nicht ganzzahligen 
Vielfachen von Punktschritten möglich sein.

3. Scheinfußnoten und die vielen undokumentierte Tricks, die man kennen 
muß, um zum Ziel zu kommen, sind erst recht dann nicht zumutubar, wenn 
man für dieses Produkt Geld (1500 EUR) verlangt. Von einem neuen 
AUMBRUCH darf man wohl erwarten, daß es überlange Apparate automatisch 
auf die nächste Seite umstellt, anstatt daß der Benutzer dies mit dem 
Editor erledigen muß (Handbuch, S. 928).

4. Die Unterstützung kapitelweiser Zeilennummerierung, nicht bloß in 
Form von Marginalien, sondern zwecks automatischer Refenzierung in 
Registern etc., ist wohl ein legitimes Desiderat an ein System, das in 
der Zeilennummerierung sonst eine seiner Stärke hat. Dieses feature 
würde mir vom Programmautor vor nun fünf Jahren fest zugesagt, wohl nur, 
weil ich damals einen wichtigen Kunden, die BBAW, vertrat. Inzwischen 
weiß ich, daß solche Versprechen und ihre nicht eintreffende Erfüllung 
kein Einzelfall sind.

5. Das neue #formatiere sollte mindestens Tabellen und mehrspaltigen 
Satz beherrschen. Liebesbriefe schreibt man besser mit der Hand.

6. So Leid es mir tut, muß ich ausgerechnet dem Herzenswunch von Herrn 
Trauth widersprechen, neben PS-Druckern auch normalen Windows-Drucker zu 
unterstützen. Nein! Bauen Sie stattdessen gleich eine PDF-Ausgabe ein, 
was dank verfügbarer Bibliotheken auch viel einfacher sein dürfte. PDF 
kann man auf jedem Betriebssystemen zuverlässig ausdrucken und ansehen, 
löst auch viele Font-Probleme von PostScript und ist de facto Standard. 
Das meine ich mit der Gefahr falscher Weichestellungen, die den weiteren 
Ausbau dieses neuen #fo verzögern würden. - Die Liste ginge weiter.

Zum Schluß ein Wort über verfügbare Mittel. Was das hochkarätig besetzte 
TUSTEP-Konsortium daran hindert, ein Antrag auf Fördermittel zur 
Finanzierung eines neuen Satzprogramms zu stellen, ist mir ein Rätsel. 
Freunde in einer gemischten kommerziell-universitärem Gruppe haben 
unlängst eine zweijährige EU-Förderung für ein vergleichbares Projekt 
(in Python) erhalten. Sie haben nicht die EU-Förderung zur Bedingung 
gemacht, daß ihre Software open source wird; das war sie schon vor dem 
Antrag. Die DFG liegt vielleicht näher, oder ist es überall zu spät?

Was mich angeht, kann ich mir gut vorstellen, an mehreren Stellen zu 
helfen. Nicht vorstellen kann ich mir, dies als Hobby zu tun, und dazu 
unter politisch fragwürdigen Rahmenbedingungen, die auch den Spaß 
verderben.

Mit besten Grüßen,

Giorgio Giacomazzi



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